Die Zerstörung der Synagogen in Deutschland wurde auf dem Treffen der Führer der Sturmabteilung (SA) in München beschlossen. Es fand am 9. November 1938 zur Erinnerung an den Hitler-Putsch 1923 statt. Am frühen Morgen des 10. November erreichte der Befehl die Mitglieder der Ortsgruppen, so auch die in Wiesbaden. Um kurz vor 5 Uhr morgens wurde die Wiesbadener Feuerwehr alarmiert, da die Synagoge am Michelsberg brannte. Sie rückte an und löschte sie so schnell wie möglich. Beim Aufräumen stellten die Männer fest, dass der Brand durch Putzwolle, die in eine Flüssigkeit getunkt worden war, ausgelöst wurde. Vier Feuerwehrleute blieben als Brandwache etwa zwei Stunden vor Ort.

Um 8:29 Uhr wurde die Feuerwehr ein weiteres Mal alarmiert. Diesmal hatte der Brand schon fast die ganze Synagoge erfasst. Die Polizei bestimmte, dass die Feuerwehr nur noch die umliegenden Gebäude gegen ein Übergreifen der Flammen schützen sollte. Während die Synagoge weithin sichtbar brannte, brach eine Gruppe von SA-Männern in die Geschäftsräume der jüdischen Wohlfahrtsstelle im Haus Michelsberg 28 ein und zerstörte die Einrichtung.

Die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden breitete sich auf das gesamte Stadtgebiet aus

Auch die Synagogen in der Friedrichstraße, in Schierstein, Biebrich und Bierstadt brannten am 10. November. Aufgebrachte Menschenmengen zerstörten jüdische Geschäfte in der ganzen Stadt. Sie drangen in Wohnungen ein und bedrohten jüdische Familien. Über 100 Juden wurden am 10. November in Wiesbaden festgenommen und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.

Die Novemberpogrome 1938 stellten eine erste Welle der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden dar, die in breiten Kreisen der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert und mitgetragen wurde. Die aus Sicht der nationalsozialistischen Regierung erfolgreiche Durchführung ebnete den Weg für die Shoah.

Text: Dr. Katherine Lukat, Stadtarchiv Wiesbaden

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