Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden

Die Ruine der Synagoge wurde 1939 abgerissen. Der Sockel blieb noch bis 1950 stehen und wurde im Zweiten Weltkrieg als Löschwasserspeicher genutzt. 1949 stellte die „Jewish Restitution Successor Organization“ (IRSO) Rückerstattungsanträge für das Gebäude. Die Israelitische Kultusgemeinde hatte die Synagoge und das Grundstück 1938 weit unter Wert an die Stadt verkauften müssen. Die Verhandlungen mit dem städtischen Vermessungsamt waren zäh und wurden durch einen Vergleich vor dem „Landesamt für Vermögenskontrolle und Wiedergutmachung“ entschieden.

Erstes Gedenken an die Opfer der Shoah

Der ehemalige Standort der Synagoge am Michelsberg wurde kurz nach Ende des Krieges von städtischen Mitarbeitern als Parkplatz benutzt. Mit dem Abriss des Sockels konnte die Coulinstraße verbreitert werden. Auf dem übrigen Teil des Grundstücks entstand eine kleine Grünanlage mit Gedenkstein, der an die Novemberpogrome erinnern sollte. Später kam noch eine kleine Tafel hinzu. In der Parkanlage lud die Jüdische Gemeinde Wiesbaden gemeinsam mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ab 1954 jedes Jahr am 9. November zu einer Gedenkveranstaltung ein. Die Landeshauptstadt Wiesbaden trat einige Jahre später als Mitveranstalterin an die Seite von Gemeinde und Gesellschaft. Die Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Novemberpogrome findet heute noch statt.

Der ehemalige Standort der Synagoge verschwindet aus Stadtbild und Gedächtnis

1969 wurde der ehemalige Standort der Synagoge mit einer Hochstraße überbaut, um die Wiesbadener Innenstadt autofreundlicher zu machen. Die Heinrich-Heine-Anlage musste verlegt werden, Autos fuhren nun mitten durch den früheren Raum der Synagoge. Die Mehrheit der Wiesbadener Bevölkerung nahm daran keinen Anstoß. Die Hochstraße stand bis zu ihrem Abriss 2001.


Neue Formen des Gedenkens

Auf die Geschichte des Ortes wiesen in der Erinnerungskultur Aktive Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre wiederholt hin. 1995 stellte der Architekt Heinrich Lessing die Installation „Fragmente“ auf, um auf den ehemaligen Standort der Synagoge aufmerksam zu machen. 1998/1999 erarbeitete eine Gruppe der Fachhochschule Wiesbaden (heute Hochschule RheinMain) um den Diplom-Designer Edgar Brück die erste digitale Rekonstruktion der Synagoge. Der erste Teil des Projektes „memo38“ wurde am 9. November 1998, dem 60. Jahrestag der Novemberpogrome, am Michelsberg präsentiert. Auf einer Leinwand, die an der Hochstraße befestigt war, zeigten Brück und sein Team die Rekonstruktion.

Die Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden. StAWI, F000-16789, Fotograf: Jörg Siebold

Bis zur Übergabe der „Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden“ an die Bürgerschaft sollte es noch bis zum 27. Januar 2011 dauern. Die Gedenkstätte ist Ergebnis eines langen Prozesses. 1986 gab es erste Ideen, ein zentrales Gedenken einzurichten. Man entschied sich dann doch für ein dezentrales Gedenken an authentischen Orten. Es folgte der Beschluss 2005, den durch das NS-Regime ermordeten Jüdinnen und Juden namentlich zu gedenken. Am Ende stand der Architekturwettbewerb, dessen Ergebnis die Gedenkstätte ist. Zentrales Element ist das „Namentliche Gedenken“ – das Namenband mit den 1.507 Namen ermordeter Wiesbadener Jüdinnen und Juden. Die Gedenkstätte beinhaltet auch Elemente, die auf die Geschichte des Ortes nach der Zerstörung der Synagoge hinweisen.

Blick auf die Gedenkstätte. Gut zu sehen sind die Umrisse des Sockels, auf dem die Synagoge gestanden hat. Die Coulinstraße führt mitten durch den ehemaligen Standort und wurde in das Gedenkstättenkonzept integriert. Fotograf: Thomas Greiner

Text: Dr. Katherine Lukat, Stadtarchiv Wiesbaden

360° Luftaufnahme der Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden, Coulinstraße

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