Baustil

Der vom Architekten Philipp Hoffmann und der Israelitischen Kultusgemeinde Wiesbaden gewählte maurische Baustil war um 1860 sehr beliebt. Der Historismus brachte Romanik und Gotik in direkte Beziehung zu christlichem Kirchenbau, sodass sich der maurische Stil anbot, Synagogen unverwechselbar und den Kirchen gleichgestellt zu präsentieren. Gleichzeitig stellt der Baustil eine historische Beziehung her. Er erinnert an frühmittelalterliche Darstellungen des Tempels Salomons in Jerusalem. Die Jüdische Gemeinde wollte damit an den Ursprung des Judentums anknüpfen. Philipp Hoffmann nahm zentrale Elemente des Tempels in seinen Entwurf auf. So soll die Unterkonstruktion der Synagoge an Mauer, Plateau und Tempelbezirk in Jerusalem erinnern. Außerdem bezieht sich Hoffmann mit dem maurischen Baustil auf das „Goldene Zeitalter“. Es war die kulturelle Blüte des Judentums im muslimischen Spanien des Mittelalters.

Mit ihrer prachtvollen Synagoge zeigte sich die Israelitische Kultusgemeinde selbstbewusst im Stadtbild. Sie wollte die vermeintlich abgeschossene Emanzipation, den gesellschaftlichen Rang und ihren kulturellen Anspruch zum Ausdruck bringen. Bürgerrechte hatten Juden in Nassau erst 1852 erhalten. Die Israelitische Kultusgemeinde erklärte mit dem Bau der Synagoge im Stil des Tempels Wiesbaden zu ihrer Heimat und wendete sich hierdurch vom Gedanken des Wiederaufbaus des Tempels in Jerusalem ab.

Bauplatz

Als Bauplatz wurde ein kleiner Teil des weiträumigen Areals des Schützenhofs ausgesucht. Da es sich in Landesbesitz befand, musste die Jüdische Gemeinde mit der herzoglichen Landesregierung verhandeln. Der Bauplan wurde 1863 eingereicht und auf Wunsch des Herzogs vom Staatsministerium gegen Einwände der Landesregierung genehmigt. Die Arbeiten begannen 1865 und wurden 1869 abgeschlossen. Die sehr hohen Baukosten von 108.648 Florin (Goldgulden) trug die Israelitische Kultusgemeinde selbst. Sie bestand zu dieser Zeit aus 92 Familien.

Innenraum

Wie viele andere Synagogen, die im gleichen Zeitraum entstanden sind, wies auch die Wiesbadener zahlreiche christliche Elemente auf. Dies ist ein Zeichen dafür, dass mit dem Emanzipationsgedanken auch eine Anpassung an die christliche Mehrheitsgesellschaft einherging. Am linken Bündelpfleiler vor der Apsis (Nische) befand sich eine Kanzel (erhöhter Predigtstuhl), eine Orgel wurde eingebaut. Mit Gesang, Orgelspiel und Gottesdiensten in deutscher Sprache nahm man sogar den christlichen Ablauf von Gottesdiensten an.

Ende der 1920er Jahre war die Synagoge am Michelsberg für die Gemeinde zu klein geworden. Der Bau war zudem nicht mehr funktional und musste überholt werden. Die Israelitische Kultusgemeinde plante, das Gebäude mit Grundstück gegen ein Areal am heutigen  Platz der deutschen Einheit zu tauschen. Hier sollte ein Synagogenbezirk mit Synagoge, Gemeindezentrum, Vereinsräumen, Wohnungen für die Gemeindebeamten, Bibliotheks- und Unterrichtsräumen sowie Speisemöglichkeiten entstehen. Umgesetzt wurde der Plan nicht.

Blick in die Synagoge nach Osten. StadtA WI F000-128

Text: Dr. Katherine Lukat, Stadtarchiv Wiesbaden

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